Die Sache mit dem ersten Mal

Ich habe mich vor einigen Monaten mal dabei erwischt, wie ich nach der Arbeit auf meiner Couch gesessen bin und mich gefragt habe: „Wann hast du denn das letzte mal was richtiges aufregendes gemacht?“ Abgesehen von meiner Hochzeit, war da ehrlich gesagt jetzt in den letzten Monaten und Jahren nicht viel bei. Versteht mich nicht falsch, mein Leben is alles andere als scheiße und um mal ganz ehrlich zu euch zu sein: Betrachte ich mein bisheriges Leben in Retrospektive, so gibt es eigentlich nur eine  Handvoll Sachen die ich bereue. Meine Jugend gehört aber definitiv nicht dazu. Ich hab eine Menge Scheiße gebaut, hatte die besten Freunde die man sich wünschen konnte und auch das ein oder andere Glück mit Frauen, was ich mir so nie ausgerechnet hätte. Erst letztens habe ich wieder ein altes Tagebuch von mir gefunden und musste bei einigen Stories lauthals lachen und zugeben, dass diese Zeit wohl die witzigste, interessanteste und aufregendste Zeit meines Lebens war. Mittlerweile ist das auch schon wieder 10 Jahre her, und ich bin 27 Jahre alt. Ich bin verheiratet, wohne sehr komfortabel und habe einen Job der mich zwar nicht reich macht, aber mir zumindest genügend Essen auf den Tisch stellt, mir die Miete bezahlt und am Ende des Monats sogar noch ein paar Euro zum sparen auf dem Konto lässt. Ich kann mich eigentlich nicht beschweren. Eigentlich…

Seit einigen Jahren fehlt mir aber irgendwas. Jeder der jetzt behauptet, dass das die Mid-Life Crisis is, möge die Fresse halten und meinen Blog sofort verlassen, denn das is es nicht! Ehrlich. „Aber was is es denn dann Benni?“ Ich werde es euch erzählen liebe Leserschaft: Ich habe mich also eine Zeit lang auf den Arsch gesetzt und dann wirklich drüber nachgedacht, was in meinem Leben abhanden gekommen ist. Sind es die Freunde? Nein. So nüchtern und kaltherzig sich das anhört, aber 90% der Freundschaften die man über die Jahre hat sind austauschbar. Im Leben gibt es meiner Meinung nach wirklich nur eine klitzekleine Zahl an Leuten, die dir ein ganzes Leben zur Seite stehen. Über die Jahre habe ich eine Menge „Freunde“, „Bekannte“ und „Spezln“ kommen und gehen sehen, daran liegt es ganz sicher nicht. Sind es die wöchentlichen Sauftouren mit den Jungs? Garantiert auch nicht, denn wenn ich wollte, könnte ich jeden Samstag auf die Piste gehen und mich behindert trinken und die Fuffis durch den Club werfen. Das einzige was sich in diesem Zusammenhang über die Jahre geändert hat ist die Tatsache, dass ich statt einem Tag Erholung nun eine Woche brauche, ich den Tag danach tumorartige Atomkopfschmerzen habe anstatt Sportln zu gehen, die Frau die mich schimpft dass ich das gesamte Badezimmer vollgekotzt habe nicht mehr im Namen variiert, sondern immer die selbe ist und ich nicht erst den Aaron aus meinem Bett werfen muss wenn ich nach Hause komme und pennen will.

Nein meine Freunde, als ich so durch mein Tagebuch blätterte und meine ersten Eindrücke vom Saufen, Vögeln und Kiffen niederschrieb, ging mir ein Licht auf. Es waren die ersten Eindrücke. Genau das ist der Grund, wieso 99% der Leute (ausgenommen dicke, bebrillte, schwitzende, Kellerkinder) sich so positiv über ihre Jugend äußern – weil die Welt für uns damals noch komplett neu war. Klar, hört sich jetzt nach schmalzigem Pathos an was ich hier schreibe, aber denkt doch mal an euren ersten Kuss, das erste mal verliebt sein, zum ersten mal besoffen sein oder den ersten Sex und sagt mir, dass ihr nicht mit einem Grinsen im Gesicht dasitzt und wieder dieses „kribbeln“ verspürt, dass ihr damals hattet kurz bevor es ans Eingemachte ging! Genau das ist mir abhanden gekommen und ich bin mir sicher, dass es vielen von euch auch so geht. Ich mein seid doch ma ehrlich!

Wann habt ihr denn das letzte mal etwas „zum ersten Mal“ gemacht? Ich rede hier jetzt nicht von Sachen wie „Gestern hab ich zum ersten Mal den neuenPastinaken-Rhabarber-Sellerie Smoothie gesoffen“ oder „Mal den linken Schuh statt den rechten zuerst zu gemacht“ sondern etwas wirklich emotional aufregendes?

Anmerkung: Wenn die zwei oben genannten Sachen für dich tatsächlich emotional aufregend sind, nimm ein Stück Brot, setz dich auf dein Grab und warte.

Ich denke, dass das genau das is, wieso viele Menschen – und auch ich – das erwachsen sein (haha) oder erwachsen werden (schon eher) so derbe langweilig finden. Ich mein, was machen wir denn in unserem Alltag noch aufregendes? Wir stehen in der Früh auf, putzen uns die Zähne, frühstücken, fahren in die Arbeit, sitzen da 8 Stunden und versuchen uns nicht beim Facebook surfen erwischen zu lassen, fahren nach Hause, essen, verbringen noch ein paar Stunden in trauter Zweisamkeit mit dem oder der Angetrauten und legen uns dann pennen. Klar, Samstag glotzen wir Fußball oder treffen uns mit den Atzen aufn Bier (sagt man das heut noch so?), aber das geht dann jeden Tag so, sieben Tage die Woche, 30 Tage im Monat, 365 Tage im Jahr. Vielleicht macht man dann doch ma was „spontanes“ wie nen sieben Tages Camping-Urlaub in Italien oder son Scheiß, aber richtig vom Hocker reißen tut das nicht oder?

Ich geb euch einen Tipp, über den ihr aber wirklich mal nachdenken sollt bevor ihr wieder nach Hause schlurft und euch vor den Fernseher knallt. Erinnert euch mal an den Teenie in euch! Macht mal wieder was abgefahrenes, macht mal wieder was neues, macht mal wieder was, was ihr noch nie in eurem Leben getan habt. Das is jetzt kein Aufruf dazu, euch von eurem Partner zu trennen, die Bude anzuzünden und zu Walter Mitty zu mutieren, aber spart euch doch mal einen Hunni und fliegt in irgend eine Großstadt übers Wochenende, lernt was komplett neues, geht aufn total upgefucktes Blinddate oder lernt einfach mal neue Leute kennen die bissl weiter weg wohnen als 15km von eurer Stammkneipe! Ich denke solche „ersten Male“ oder „Firsts“ sind das, was unser Leben so aufregend gemacht hat bis jetzt und auch wieder aufregend machen sollte. Ich selbst habe mir diese Kur verschrieben und bin erst im April spontan zusammen mitm Aaron und einem anderen Kumpel nach Berlin gejettet (80€). Das Wochenende war hammerst und wir haben uns versprochen, so etwas beizubehalten, denn es gibt uns wieder diesen jugendlichen Leichtsinn zurück. Ich würd euch ernsthaft auch so etwas empfehlen, denn wir alle sind nicht für immer jung, gesund oder ungebunden.

Würd mich freuen, wenn ich ein paar Spinner zu neuen Firsts inspiriert hätte, die ihr mir vielleicht in den Comments dann verraten wollt. Bis dahin lass ich euch mit Dendemann und seinem Song „Das erste Mal“ alleine.

Benni Lancaster
Benni Lancaster

Benni Lancaster ist Widder und mag lange Spaziergänge am Strand. Außerdem hat er großes Interesse daran, seine unqualifizierte Meinung zu allen Themen dieser Welt den Leuten um die Ohren zu hauen, wenn er mal Langeweile hat und nicht mit seinem Wrestling-Scheiß beschäftigt ist.

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